DIE ÜBERSETZUNG IST FERTIG!!!

Mit Erfolg haben wir im Mai 2017 das Buchübersetzungsprojekt „Sal de tu tierra“ bei der Crowdfunding-Plattform der Volksbank Stutensee-Weingarten in Deutschland finanziert.

Genaueres unter:

Nach einem Jahr intensiver Arbeit, ist die Übersetzung nun abgeschlossen.

Die Übersetzerin Frau Christine Ocampo Alvarez und die Lektorin Christin Kleinhenz haben eine sehr professionelle Arbeit geleistet.
Inhaltlich wurde jedes Kapitel mit dem Autor und mit PILAWI besprochen.
Als Leser kann man sich kaum vorstellen, wie aufwendig diese Arbeit ist.
Nicht nur das Spanisch aus Bolivien und die Aymara-Ausdrücke, die in dieser Sprache stecken, sind herausfordernd, sondern auch die kulturellen Besonderheiten dieses Landes.
Wir sind zufrieden mit dem Ergebnis, das wir erreicht haben.


Die Suche nach dem geeignet Verlag oder einer Institution für die Veröffentlichung geht weiter.

Bei Interesse melden Sie sich bitte unter: info@pilawi.de

Exposé

Titel: Salz deiner Heimat

Autor: Manuel Vargas

Genre: Roman

Zielgruppe: Personen mit Interesse an Lateinamerika und indigener Kultur

Atmosphäre: nachdenklich, berührend, traurig, mystisch

Perspektive: Ich-Erzähler                

 

Manuel Vargas wurde 1952 in Huasacañada, einer Gemeinde in der Provinz Vallegrande (Santa Cruz) in Bolivien geboren. Er ist ein renommierter Schriftsteller, der sein Leben der Literatur gewidmet hat. Sein Literaturstudium absolvierte er an der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz. Er veröffentlichte Romane, Erzählungen und Fabeln wie Cuentos tristes, Historias de gente sola, Retratos de familia, Pilares en la niebla, Andanzas de Asunto Egüez, Música de zorros, Los descubrimientos de Domingo Segundo Cuentos del Achachila, El sueño del picaflor oder Historia de Bolivia.

 

Seine Erzählungen wurden in mehrere Sprachen übersetzt. 1994 wurde die Geschichte Ciudades in Spanische Kürzestgeschichten veröffentlicht (dtv zweisprachig). 1998 erschien unter seinem Namen die Anthologie Die Heimstatt des Tío mit Erzählungen zahlreicher bolivianischer Autoren. Seit 1996 leitet er den Verlag Correveidile.

 

Im Jahr 2014 veröffentlichte Vargas den Roman Sal de tu tierra (Salz deiner Heimat). Auf 221 Seiten wird die Lebensgeschichte der Protagonistin Melisa erzählt, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

 

Als Fünfjährige ist Melisa gezwungen, ihr bescheidenes Zuhause im Hochland Boliviens zu verlassen und reist mit ihrem Vater illegal nach Chile ein. Hin- und hergerissen zwischen Vater und Mutter, verschiedenen Kulturen und Ländern gleicht ihr Leben einer Reise. Stets ist sie auf der Suche nach einer Heimat und sich selbst.

 

Melisas Geschichte ist für den Leser aber auch wie eine Reise in das Altiplano, das Hochland Boliviens. Liebevoll detailliert, farbig und mystisch beschreibt der Autor die fremde Welt der Aymara und Urus, der indigenen Völker Boliviens.

 

Wir lesen über ihre Rituale und Bräuche und erfahren von Lama-Karawanen, die das wertvolle Salz des Hochlands, die Essenz der Erde, seit Jahrhunderten zum Handel in die Dörfer bringen. Wir lernen uralte Fabeln und Legenden kennen sowie Pachamama, die personifizierte Mutter Erde, die alles eint, von der alles kommt, die uns ernährt und uns heilt.

 

Durch Melisas Augen erleben wir die Geschichte ihres Landes und auf ihrem Weg gewinnt der Leser einen ganz eigenen Blick auf das Bolivien von heute.

 

Das Buch ist aus der Perspektive Melisas als Ich-Erzählerin geschrieben. Nur wenige Personen in Melisas Umfeld nehmen eine wichtige Rolle in der Handlung ein: ihre Eltern, ihre Großmutter, ihre Geschwister, ihr untreuer Ehemann Satuco sowie ihr späterer Lebensgefährte Na und ihre einzige Freundin Guillermina.

 

Der Autor entschied sich für eine außergewöhnliche Sprache: das ganz eigene castellano der indigenen Bevölkerung, gespickt mit Ausdrücken der Aymara. Es klingt wie eine wortwörtliche Wiedergabe von Gedanken der Protagonistin. Diese ganz besondere Wirkung irritiert den Leser zunächst etwas, doch bald ist auf jeder Seite des Buches der Klang von Melisas Stimme zu hören. Salz deiner Heimat ist eine berührende Geschichte, die uns gleichwohl lehrt, mutig zu sein, auf das Leben zu vertrauen und niemals zu vergessen.

 

 Patricia Illanes Wilhelm

Inhaltsverzeichnis

1. Gerade einmal fünf Jahre bin ich

2. Ich bin unter der Erde

3. Die ganze Zeit denke ich nur an die Grenze

4. Lama – heiliges Tier

5. Wohin gehst du, Kleine? Nach Arica, Señor!

6. Ich bin mit meinem Vater in der Pampa

7. Dieses Mädchen, die Guillermina, weißt du noch?

8. Also, waren sie Uru oder waren sie Chipaya?

9. Ach, mein Satuco, mein Satuquito

10. Sie arbeiteten für die Sterne

11. Das ist Bolivien, nicht wahr, Satuco?

12. Von welcher Seite wird uns wohl der Fuchs kreuzen?

13. Jetzt erzähle ich dir etwas, weil ich bald sterbe

14. Gerne würde ich diese Welt weben

15. Ich ziehe meine pollera an

16. Ein anderer Ort, zu einer anderen Zeit, oben auf dem Berg, wo das Glück liegt

17. Und so bin auch ich nach Santa Cruz gereist

18. Ich ziehe meine pollera aus

19. Diese kleinen Männer aus den Salaren

20. Und ich, wer bin ich?

21. Der Na hat mir von der Welt erzählt

22. Die Lamakarawane ist da!

23. Deshalb suche ich jetzt nur nach dem Stern

Glossar

 

1. Gerade einmal fünf Jahre bin ich

Den Na habe ich gefragt: „Was ist ein Uru?“ „Ein aussterbendes indigenes Volk“, hat er mir gesagt. Ich habe gelacht, weil ich ihn selten so schlecht verstanden habe. Aber danach hat er es mir richtig erklärt: Urus waren diese Menschen, die an den Ufern des Poopó-Sees lebten. „Nein, eigentlich lebten sie mitten im See, früher, versteckt, getarnt durch das totora-Schilf. Auch auf dem Fluss Desaguadero, auf den Salzseen im Departamento Oruro, La Paz und in der Republik Peru.“ „Bist du dir sicher?“, ich möchte ihm gern glauben. Und der Na sagte mir: „Also, Oruro kommt von uru-uru. Das bedeutet ‚Ort der Urus’.“

 

Aber die Zeit vergeht und dann hatten sie kein Land mehr, sie fischten. Die Aymara hatten ihnen ihr Land weggenommen, einfach so, im Lauf der Jahre. Eine andere Sprache sprechen sie, ganz alt kommen sie einem vor, habe ich gehört. Bald gibt es sie nicht mehr, sie sterben aus. Nicht einmal eine Sprache haben sie noch, die hat man ihnen weggenommen. Filzkopf-Uru – das war eine Beleidigung. So beschimpfte man sie wegen ihrer Wollhüte. Der Ärmste der Armen eben. Und ich habe nachgedacht, denke gerade darüber nach: Urus gibt es nicht mehr. Und dann tut es mir irgendwie leid. Wie sie wohl gewesen sind, wie sie wohl gesprochen haben, geträumt haben, gefühlt haben? Was wird wohl aus solchen Menschen, was wird aus Verlierern? Diejenigen, die leiden, scheinen schon fast keine Menschen mehr zu sein. Das kann nicht sein. So denke ich die ganze Zeit.

 

Ich erzähle dir lieber von einem Ehepaar. Davon, wie sie gestritten haben. Darüber werde ich dir jetzt berichten. (Im Altiplano ist es sehr kalt, daran erinnere ich mich, in den Pampas und an den Lagunen von Oruro. Aber davon werde ich dir nicht erzählen).

 

Mein Vater und meine Mutter hatten eines Morgens im Dorf Totora geheiratet und schon am Nachmittag gingen sie zur Braut nachhause um zu feiern, in Rosasani. Mit Saufgelage, mit viel Geld für die Musik und für das Essen, alles immer gut, so heißt es.

 

Aber danach haben sie sich nicht verstanden. (Wir, ihre Kinder, waren noch nicht geboren. Wir kamen gerade auf die Welt. Egal. So hat für uns alles angefangen, so haben wir irgendwie gelebt).

 

Wie war das? Was ist passiert? Hör mir einfach zu. Ich habe doch gesagt, ich erzähle von Anfang an.

 

Mein Vater war Waisenkind, so sagt man. Er war wohl Einzelkind. Er besaß gerade mal ein paar Meter steiniges Land, das ihm seine Eltern hinterlassen hatten. Und so wollte er meine Mutter heiraten. Obwohl sie kaum etwas auf den Hüften hatte, kam sie aus einer richtig reichen Familie, besaß Land, Vieh (auch sie hatte keine Geschwister). Damals war es Brauch, große Feste zu feiern: das Fest des Heiligen Petrus, Mariä Empfängnis, November, Dezember ... ein gutes Leben.

 

„Wie kannst du nur dieses arme Waisenkind heiraten?“, fragten sie ihre Eltern, „was findest du nur an ihm?“ Und seine Freunde sagten zu ihm: „Wie kannst du nur diese Oma heiraten?“ Sie machten sich lustig, weil er damals achtzehn Jahre alt war und meine Mutter dreiundzwanzig, glaube ich. Aber ich frage mich auch, was er damals wohl an ihr gefunden hat? Vielleicht war es ihr Vieh, das Haus, ihre Gehege, all das, oder nicht? Und sie, was hat sie wohl gedacht? Hat sie ihm vielleicht Lügen erzählt? Richtig gesprächig war er wohl, vielleicht verbrachte sie gern Zeit mit ihm, mochte seine draufgängerische Art, sagt der Na. Und die Leute haben ihr aus Boshaftigkeit vielleicht gesagt: „Heirate doch den Sohn von Don Pablo Apaza. Bei dem wird es dir gut gehen.“ (Sein Vater, also mein Großvater, war wohl ein bedeutender Mann, aber er hat alles verloren und dann ist er gestorben. Über meine Großmutter väterlicherseits weiß ich nichts.)

 

Als sich alle einig waren, haben sie geheiratet, mit einem Fest, mit Tanz, einer Messe in der Kirche und mit einem Saufgelage und allem. Sie leben dann im Haus meiner Mutter, weil er arm war und bekamen zusammen vier Kinder und später noch eins, das habe ich alles erlebt. Jetzt sind wir eine Familie.

 

Ich war die Älteste und ... ab welchem Zeitpunkt hat meine Mutter meinen Vater wohl gehasst und sie stritten? Ich würde sagen, schon immer. Ich habe das selbst gesehen. Er verhielt sich ihr gegenüber wie ein Trampeltier, schlug sie. Sie führten ein schlechtes Leben. Die Mutter meiner Mutter schimpfte: „Da hast du’s! Ich habe es dir immer gesagt und du hast es nicht hören wollen. Dein Mann da taugt nichts und er schlägt dich. Du hast dein Vieh und was hat er? Was macht er? Ein Uru scheint er zu sein, ein Filzkopf.“ So hat sie meinen Vater schlechtgemacht.

 

So haben sie über meinen Vater gesprochen, daran erinnere ich mich. Ob er wohl Uru war, mein Vater? „Er sollte Geld verdienen, er sollte helfen“, sagte meine Großmutter zu meiner Mutter, die schon vier Kinder von meinem Vater hatte, „schmeiß ihn raus, es wäre besser, er geht. Wir schaffen das schon irgendwie ohne ihn.“ All das höre ich als kleines Mädchen, die ganze Zeit höre ich das. Es sind kalte Zeiten. Dann, als ich erwachsen war, habe ich einen Uru getroffen. Mit ihm treffe ich mich gerade. Er spricht zu mir auf einem Fluss. Er ist Fährmann. Oder habe ich das nur geträumt?

 

Aber jetzt bin ich gerade einmal fünf Jahre alt. Daran erinnere ich mich immer.

 

Jaaaaa. Die Jahre sind vergangen und mein Vater hat gedacht: Die Mutter meiner Frau, (Schwiegermutter wird sie genannt), mag mich nicht. Täglich sagt sie mir, dass ich arm bin. So dachte er, Tag und Nacht, auf dem Berg, auf dem Hof, unterwegs, Stunde um Stunde. Aber ich bin ihr Mann. Was soll ich tun? Und dann, auf dem Weg über die Felder, über die Höfe sagte er sich: „Ich habe meine Kinder, meine Töchter. Ich liebe meine Kinder und es gibt wenig zu essen.“ Die Schafe sind krank geworden, haben sich immer im Kreis gedreht, als wären sie besoffen. Ein kleines Tier krabbelt ihnen in den Kopf, wenn sie die Schmetterlingsblumen fressen. Dort zwischen den weißen Blüten sitzen die kleinen Tierchen, die den Schafen in die Nasenlöcher krabbeln. Richtig scheußlich ist das, habe ich mir immer vorgestellt. Und so haben die Schafe sich betrunken, bis sie gestorben sind. „Was soll ich tun?“, dachte mein Vater.

 

Die Leute tun seit jeher alles Mögliche, um zu überleben. Sie ziehen von hier nach dort, bringen Dinge, nehmen Dinge wieder mit, verkaufen, kaufen, weben, reisen, suchen Arbeit. Letztendlich ist es immer so gewesen.

 

„Ich gehe weg, ein wenig Geld verdienen und komme dann wieder. Wie soll ich das machen? Ich weiß!“, so hat er wohl gedacht, im Lauf der Jahre. Einen Monat war er fest entschlossen, den anderen Monat zögerte er wieder. Er hat alles so geplant, weit im Voraus. Also geht er umher, spricht mit dem einen oder anderen. „Ich besitze diese Lamas, ich bin in Not ... Ich muss nach Totora, nach Oruro, ein paar Geschäfte machen ... Wir sprechen uns ... Schweine habe ich auch ... Ich will mir einen Laster kaufen ... Ja, so haben wir das ausgemacht, Encarna (also meine Mutter) und ich ... Ja, wir wollen fortgehen, irgendwohin ... Willst du die Schweine? Die Lamas? Fünf Kühe habe ich auch.“

 

So zog er herum und erzählte reine Lügen. Nach und nach traf er eben seine Vorbereitungen. Immer am Überlegen, nur am Überlegen. Nachts oder tagsüber und die Leute sagten: „Dieser Antonio (also mein Vater) behandelt seine Frau schlecht und schlechte Absichten hat er. Aber wir können ihm seine Schweine abkaufen. Alles können wir kaufen, es lohnt sich. Scheißegal, wie es ihnen geht, für uns ist es ein gutes Geschäft.“ Sicher war es genau so gewesen und mein Vater war am Planen. Er hatte schon alles heimlich verkauft und dann zu meiner Mutter gesagt: „Ich habe nachgedacht, Encarna. Ich habe einen Freund in Oruro. Er ist Maurer. Da verdient man gut, sagt man.“ Meine Mutter meinte: „Ich bin dagegen. Wie stellst du dir das vor, du gehst weg?“ „Ich gehe auf jeden Fall“, sagte er ihr. „Weshalb denn ausgerechnet nach Oruro?“, fragte sie ihn, eigentlich froh darüber, dass er ging, obwohl sie immer sagte: „Nein, nein“. „Ich gehe auf jeden Fall. Hier regnet es nicht, es gibt kein Land, keine Ernten auf dieser steinigen Erde. Gerade einmal ein paar Pfund Erbsen wirft sie ab. Unsere Kinder leiden.“ Meine Mutter: „In Argentinien kann man Geld verdienen, also geh doch nach Argentinien, nach Chile.“ „Ich weiß nicht, ich will nur nach Oruro“, log er und wusste schon alles und ihr war nicht klar, was er vorhat. „Ich werde es ein paar Monate lang versuchen, in der Trockenzeit. In Oruro will ich ein wenig Geld verdienen, in den Minen, wenn es nicht anders geht. Danach werden wir schon sehen. Die Kinder gehen ja auch nicht zur Schule. Wir haben keine Kartoffeln, kein Wasser, es hagelt, es gibt kein Geld um Mais zu kaufen, die Tiere sterben. Morgen gehe ich weg“, er wusste ja, dass er schon das ganze Vieh verkauft hatte. Alles war vorbereitet. „Nächste Woche werden wir sehen, morgen werden wir sehen“, sagt sie noch. Aber er war verärgert, entschlossen und hatte das Vieh meiner Mutter schon verschachert. Alles war vorbereitet und er blieb unbeirrbar dabei: „Ich gehe, habe ich gesagt. Deine Mutter (also meine Großmutter) mag mich nicht. Sie erzählt dummes Zeug über mich. Was weiß sie schon? Glaubst du, ich habe keine Augen im Kopf? Glaubst du, ich höre das alles nicht? Ich werde ihr beweisen, dass ich arbeiten und Geld verdienen kann“, so etwas in der Art hat er wohl gesagt, nicht?

 

Ich denke, so ähnlich ist es gewesen. Ich war die Älteste meiner Geschwister. So ist es wohl passiert. In der Nacht haben sie nicht miteinander gesprochen. Sie haben sich geschlagen, das habe ich gehört. Vielleicht war er betrunken? Und früh am Morgen hat er seine Sachen gerichtet und ihr wohl gesagt – ich habe es nicht gehört: „Encarna, ich gehe nach Argentinien.“ Oder vielleicht ist er ohne ein Wort gegangen, einfach so, einfach plötzlich verschwunden. Nach Argentinien oder nach Peru, das hätte er ja auch einfach sagen können, habe ich gedacht. „Ist gut, dann geh.“ Und er ist gegangen.

 

Als ich aufgewacht bin, habe ich gefragt: „Mama, wo ist denn mein Vater?“ „Er ist nach Argentinien, nach Chile ist er gegangen.“ „Und wann kommt er wieder?“ „Nie mehr.“ „Ich will aber zu meinem Vater!“, und ich habe angefangen zu weinen.

 

Naja, ich war fünf Jahre alt ... Ich bin nicht das erste Kind gewesen, denn vor mir sind zwei gestorben. Tja, so leicht sterben die Leute, die Kinder, egal, wawas eben. Und Donnerwetter, danach haben sie aber gut auf mich aufgepasst. Sie haben dafür gesorgt, dass ich nicht sterbe, haben mich mit geröstetem Mais und Milch gefüttert. Dieses wawa muss überleben, haben sie gesagt. Es wird nicht wie die anderen sterben.

 

Also bin ich die Älteste geworden. Die Erste, die überlebt hat. Und trotz allem, also obwohl sie sich so sehr um mich gekümmert haben: Als das vierte Kind da war, hatte mein Vater die Nase voll und er ging.

 

Ich habe auf meine kleinen Geschwister aufgepasst, habe sie gescholten, für sie gekocht. Mein Vater hatte das ganze Vieh verkauft, um nach Argentinien zu gehen und dann hatte meine Mutter gar nichts mehr. „Dieser Mistkerl hat alles verkauft, alle sind schlecht. In Rosasani, in Totora, überall haben sie von ihm gekauft, ohne dass ich es wusste.“ Und die Leute: „Ach, Doña Encarna, natürlich helfen wir dir.“ Eine alleinstehende Frau war sie jetzt, musste sich mal vom einem, mal vom anderen bei der Feldarbeit helfen lassen.

 

Ich habe in der Zeit auf meine kleinen Geschwister aufgepasst. Ich erinnere mich daran, dass ich gekocht habe. Ich habe gekocht. Sie haben mir Brennholz besorgt, kleine Stöcke und Viehmist, ein bisschen Wasser vom Bach oder der Lagune. Da stand ich im Rauch inmitten der ganzen Lumpen, meine Geschwister schrien wie am Spieß und ich schlug sie vor lauter Zorn. So wie es eben ist. Und meine Mutter sah nach den Feldern, irgendwie musste sie ja arbeiten, meine Mutter. Was hätte sie auch anderes tun sollen, nicht wahr?

 

Eines Tages, als sie mich allein zuhause ließen, sagte meine Mutter zu mir: „Hier, du kochst heute Quinoa“. Schön gewaschene Quinoa. So musste ich also ein Mittagessen aus Quinoa kochen. Damals konnten sie sich auch kein Fleisch leisten.

 

Meine Großmutter, sie nannten sie Chuño wie die getrockneten Kartoffeln, aß nur Käse und davon hat sie mir immer heimlich etwas abgegeben. „Deine Mutter schimpft viel“, sie verteidigte mich und hat mich sehr lieb, meine Großmutter.

 

Und ich fragte meine Mutter immer wieder: „Aber wo ist denn mein Vater?“ „Er ist nach Argentinien gegangen.“ „Aber ich will meinen Vater sehen“, bat ich sie jedes Mal.

 

Ihre Verwandten kamen uns öfter besuchen und meinten dann: „Wie kann er dich nur einfach so sitzenlassen?!“

 

Siehst du, so bin ich aufgewachsen.

 

Unser Haus war Teil einer Dorfgemeinschaft. Jede Familie musste bestimmte Verpflichtungen erfüllen. Es gab ein Dorfoberhaupt, den jilaqata, das heißt so viel wie „Arbeiten durchführen“. Es gab auch den agente escolar, der musste Mittagessen für die Eltern zubereiten. Ein anderer, der corregidor hatte die Aufgabe nach den Wegen zu schauen und die Leute besuchen zu gehen. Das alles musste jetzt meine Mutter übernehmen: die Arbeiten, die Verantwortung. Darum kam sie nicht herum. Aber das bedeutet es eben, in einer Gemeinschaft zu leben, in einem ayllu, auf dem Land, im Altiplano, in Bolivien, einem einzigen großen ayllu.

 

Und so ist die Zeit vergangen, Monate, ein ganzes Jahr. „Wo liegt dieses Argentinien?“, habe ich gefragt. Ich wusste nur, dass es weit weg ist. Ich war damals vielleicht schon sechs und lebte mit meiner Mutter, meiner Großmutter und meinen kleinen Geschwistern. „Wann kommt mein Vater wieder zurück?“ Die anderen, also meine jüngeren Geschwister, sagten nie etwas. Ich war die einzige, die litt und darüber nachdachte, dass mein Vater in Argentinien arbeitet, auf großen Feldern, auf großen Ländereien, wo alles ganz anders ist, so sagt man. Nicht so wie hier. Mit Vieh, mit tausenden von Tieren, mit Äpfeln, Zucker, großen Städten, Autos, Zügen und alles sehr luxuriös. Aber er kommt wieder und er wird mir schöne Geschenke mitbringen, schöne Kleider. Und er wird mich mit dorthin nehmen. Denn dort gibt es immer alles, dort leidet man nicht, sagen sie. Jeden Tag stehe ich an dem Weg, der nach Totora führt. „In diese Richtung ist er gegangen und von dort wird er wieder kommen mit einem neuen Hut, mit einem roten Band.“ Jeden Tag schaute ich und wiederholte immer wieder: Mein Vater wird kommen. „Komm, meine Kleine, wir gehen.“ „Ich ganz allein?“ „Wir gehen mit deiner kleinen Schwester. Ich werde dich mitnehmen. Komm, richte deine Sachen. Wir werden sehr glücklich sein.“ „Wohin gehen wir, Vater?“ Er trägt mich, er umarmt mich, mein Vater. So stellt man es sich vor, wenn man ein Kind ist. Und man macht sich keine Gedanken darüber, was wohl sein wird und man spürt auch weder die Kälte noch hört man den Wind. In diesen Momenten ist einem immer warm.

 

Und wie dem auch sei, im nächsten Jahr kam er zurück. Aber er brachte nicht das, was ich mir wünschte. Er kam mit einer argentinischen Frau, mit einer gaucha kam er wieder. So habe ich gehört, so haben wir gehört. Wie war das wohl gewesen? Was hat er wohl dieser anderen Frau gesagt, weshalb er wiederkam? Die gaucha war böse. Doch er brachte diese Frau mit nach Oruro und sie übernachteten in einem Hotel. Dort hat er anscheinend zusammen mit dieser Frau geschlafen und sie war eine Hexe. Mein Vater hat ihr wohl gefallen, oder das, was er mit ihr angestellt hat. Ich habe sie nie gesehen. Möglicherweise war sie blond oder dunkelhaarig. Vielleicht war sie ganz verrückt vor Liebe. Diese Dinge passieren eben woanders. „Ich gehe nachhause, auf mein Landgut“, hat ihr mein Vater im Hotel in Oruro vielleicht gesagt. „Ich werde dort nach dem Rechten sehen und dann komme ich wieder und hole dich ab“, hat er ihr wahrscheinlich gesagt. „Ich habe Land, ich habe Vieh“, vielleicht hatte er sie schon vorher in Argentinien belogen. „Ich bin reich.“ „Ich habe eine Frau, ich habe Kinder“, er hat ihr womöglich die Wahrheit gesagt, „aber ich liebe nur dich.“ Wahrscheinlich hat er sie angelogen oder vielleicht war es auch wahr. Sie war sicher verliebt in ihn und er auch in sie. Wie sie wohl ausgesehen hat, diese gaucha? Hübsch oder hässlich, mit Haaren aus Gold, groß gewachsen, mit dieser seltsamen Art zu sprechen wie die gauchos? Oder vielleicht war sie klein. Ich glaube eher, dass sie klein war, weil sie böse war. Sie hat meinen Vater verhext. (Man sagt, der Urin vom Stinktier hilft gegen böse Menschen.) Oder vielleicht war es gar nicht so und er hat ihr vielmehr gesagt: „Wir werden in Oruro leben. Du besorgst Ware, bringst sie nach Oruro, dann gehen wir wieder zurück und wir kaufen noch mehr Ware.“ Seife, Kekse, Decken, Mortadella, all das.

 

Man sagt, dass es in Argentinien viele Züge gibt. Von dort fährt ein Zug bis nach Oruro. Alle fahren mit dem Zug, Tausende, und handeln mit Keksen, Wurstwaren, Pferdefleisch und sämtlichen Tierprodukten. So ist es woanders. Uhhh, der Zug. Voller Leute aus der ganzen Welt: Diebe, Ordensschwestern, Indios, Abenteuerlustige. Alle möglichen Leute findest du in diesen Wägen. Und man sagt, dort passiert auch alles, Liebe, Tod – in einem Zug sitzt die ganze Welt, habe ich einmal gehört. Man sagt, dass von Oruro aus derselbe Zug wieder nach Argentinien fährt. Und von dort kehrt er dann wieder zurück, unermüdlich. Wie ist wohl so ein Zug? Das habe ich mich mit meinen sechs Jahren gefragt. Später habe ich ihn dann selbst erlebt, habe sein Kreischen gehört. Der Zug kreischt, ist es nicht so?

 

Also, die beiden kamen mit dem Zug. Sie schliefen in dem Hotel in Oruro. Sie mit ihrem kleinen Indio, nicht wahr? Mit diesem dunklen, sympathischen und energischen Mann. So war er, mein Vater, zumindest immer dann, wenn er uns Frauen nicht gerade schlug. In den schlechten Dingen war er eben schlecht und in den Guten gut. „Diese Frau liebt mich. Meine Frau liebt mich dagegen nicht. Ich werde sie mit nach Bolivien nehmen und schauen, wie es meinen Kindern geht und dann werde ich meine Kinder mit nach Argentinien nehmen. Zu einer anderen, besseren Mutter.“

 

Also, sie schliefen, ich meine, sie haben in diesen Hotelbetten übernachtet. Und bevor die gaucha aufgewacht ist ... wahrscheinlich war sie eine richtige Schlafmütze, selig schlafend ... oder vielleicht hat er ihr auch gesagt, dass er rausgehen müsse, seine Notdurft verrichten müsse ... ist er ganz leise mit einem kleinen Koffer aus dem Zimmer und über Totora zu uns nach Rosasani gegangen und kam rufend nach Hause: „Ich bin zurück, ich bin zurück!“

 

„Encarna, wie geht es meinen Kindern? Ich bin aus Argentinien zurück.“ „Ach ja? Und wie ist es dir ergangen? Hast du Geld mitgebracht? Ich dachte, du würdest nicht mehr zurückkommen.“ „Ich habe Geld mitgebracht, es ist in Oruro. Ich habe meine Geschäfte.“

 

So ist er seiner gaucha entwischt, aber diese gaucha hat ihm Schaden zugefügt. Als mein Vater bei uns war, juckte ihn am zweiten Tag die Brust, am dritten Tag wurde sie ganz rot, eine Woche später hatte er eine schwarze Wunde dort wo das Herz ist, rund, wie ein kleines Tierchen. Sie hatte ihn verflucht. Die gaucha ist nämlich im Hotel aufgewacht: „Wie lange braucht dieser Mann nur zum Pinkeln! Wo er wohl hingegangen ist?“ Oder vielleicht ist sie aufgewacht und von ihm keine Spur und sie war plötzlich ganz allein in Oruro und ist wie eine Verrückte umhergelaufen: „Ich habe meinen Mann verloren!“ Sie hat ihn gesucht, gerufen und nichts. „Dieser Mann ist abgehauen. Sicher hat er irgendwo eine Frau, eine Indiofrau. Sicher hat ihn die andere gerufen. Na warte, ich werde nach dir suchen, ich werde nach dir suchen!“ Dann hat sie in seinen Sachen gewühlt, sie wusste schon, was; mit bösen Hintergedanken, und sie hat gefunden, was sie suchte, ein Foto von ihm und seine Unterhosen, und damit hat sie ihm dann Schaden zugefügt.

 

Die gaucha war eine Hexe. Mein Vater bekam eine schwarze, rote Wunde, die sich in seine Brust fraß. „Was ist passiert, lieber Vater? Tut es dir weh? Brennt es? So gemein sind sie zu dir.“ Also haben wir alles erfahren und er erzählt uns, dass er mit einer gaucha gekommen ist und dass sie ihm das angetan hat. Was machen wir jetzt? „Bleibst du bei uns, lieber Vater?“ „Ich bleibe.“ Aber nicht für immer. Mit meiner Mama hat er sich nicht verstanden. „Wo ist das Geld? Wie viel hast du gebracht? Hast du es mit den Nutten verprasst? Verschwinde, geh weg! Du hast uns hier im Elend sitzenlassen. Ich bleibe hier mit meinen Töchtern, mit meiner Mutter, wir brauchen dich hier nicht!“

 

Und so war es auch gewesen. Meine Mutter war allein mit ihren Kindern und ihrer Mutter, also meiner Großmutter, geblieben. Wir haben Feste organisiert und Arbeiten ausgeführt, alles haben wir gemacht, Verpflichtungen sagen sie dazu. Die ganze Zeit, als er nicht da war. Und dann kam er also wieder.

 

Damals schickte man meine Mutter nach Totora, ein Fest auszurichten, Brauch sagt man auch dazu. „Und wo ist dein Ehemann, Encarna?“, sagten die Leute, diese schlechten Leute. „Es gibt keinen Ehemann“, antwortete sie. Nur meine Großmutter half ihr. (Mich nahmen sie kein einziges Mal mit nach Totora. Ich blieb immer im Haus in Rosasani. Deshalb weiß ich nichts über Bräuche. Saufereien. Ich bin kein fröhlicher Mensch. Ich weiß nichts übers Saufen.) Nun gut, so war das bei dem Fest in Totora und dann kam also mein Vater. Und was brachte er mit? Eine gaucha. „Du hast keinen Ehemann mehr, ist es nicht so?“, sagten die Leute aus der Dorfgemeinschaft zu meiner Mutter. „Also wirst du das Fest organisieren. Sonst nehmen wir dir dein Land weg. Du hast ja nicht einmal mehr Tiere.“ Also organisierte meine Mutter das Fest. Sie machte chicha de quinua, kochte Essen für alle und gab Geld aus, das sie nicht besaß, so ohne Ehemann. So haben wir ohne meinen Vater gelitten. Meine Mutter hatte Recht, nicht wahr? Wir haben viel geweint. Ich glaube, ich war damals gerade sechs Jahre alt, aber meine Großmutter war stolz: „Wir werden dieses Fest organisieren. Du kümmerst dich um dies und du kümmerst dich um das. Wir werden ihnen ein großes Fest bereiten. Wir werden Eintopf kochen, für hundert, zweihundert Personen.“ Rinderbrust und Rinderrippe, gepökeltes Hammelfleisch (tasajo de cordero sagen sie dazu), chuño, papa racacha (aus der heißen Erde der Yungas-Region), Kohl aus den Tälern, Kürbis und Reis aus der Stadt Caranavi. Maiskolben, duftende Kräuter, Pfirsiche (aber nicht die guten, sondern die mit den unschönen Stellen), alles. So kocht man Eintopf. Woher kannten sie wohl dieses Rezept aus der Stadt? Ich glaube, es war Karneval.

 

Es war also gerade in diesen Festtagen, als mein Vater vom Ende der Welt zurückkam und die Leute ihn wiedersahen. „Schau mal, seine Augen. So ein stechender Blick.“ Sie erkennen ihn wieder, sie begrüßen ihn: „Ah, Don Antonio, du bist wieder zurück!“, ganz besoffen waren sie schon und sangen dabei das traditionelle carenay, „da drüben, da ist deine Frau“ ... carenay, ¿acaso éste es el altar de la llama hembra? ... wie gut, dass du wieder da bist, Antonio“ ... este altar sólo es de paja trenzada, carenay ... „naja, das hat eben alles deine Frau organisiert“ ... el altar de la llama macho, carenay, es un altar con flores de oro, carenay ... „Entschuldigung, Antonio, wir sind gut drauf.“ Er hat sich aber nicht abgewandt, sondern ist direkt auf meine Mutter zu. Dann standen sie voreinander und haben sich fürchterlich angeschrien. Meine Mutter hat ihn beschimpft und geweint: „Du Mistkerl, und was sollen wir jetzt machen, du fauler Sack? Wir haben kein Geld, es ist nichts mehr da und du hockst bei deinen Nutten. Warum bist du überhaupt zurückgekommen?“

 

Ich habe das nicht geträumt, das war so.

 

Sie haben sich richtig heftig gestritten. Nie haben sie sich verstanden.

 

„Was habe ich dir denn getan?“, sagte sie zu ihm. Und er: „Hast du mich vielleicht jemals von den Saufereien abgehalten? Hast du mir jemals einen Poncho gestrickt? Wo warst du denn? Nie hast du dich um mich gekümmert.“

 

Trotz allem ist er bei uns geblieben und auch nicht mehr nach Oruro zurück. Nicht einmal so sehr wegen der Liebe zu seinen Töchtern, vielmehr hatte er Angst vor der gaucha. Vor ihr ist er ist davongelaufen und blieb bei uns mit wer weiß welchen Gedanken.

 

Dann erscheint also dieser schwarze Fleck auf seiner Brust und dann war er plötzlich wieder gesund. Wahrscheinlich ist er bei einigen Heilern und anderen Medizinern gewesen, um die Wunde behandeln zu lassen. Der alte Mann mit seinen Heilmitteln schaut ihn an, fasst ihn an: „Mal sehen, was ist passiert? Die Kokapflanze verrät es uns.“ Verhext? (Pass auf die Kröte auf. Wenn du sie ärgerst, bekommst du Pickel im ganzen Gesicht, so heißt es.) Verflucht? Erschreckt? Vergiftet? Vom Teufel besessen? „Ja, da ist es, ich sehe es!“ Und dann war es schließlich vorbei. Der alte Mann mit seinen Heilmitteln hat die gaucha besiegt. Der schwarze Hund hat meinen Vater geheilt. Der schwarze Hund hilft gegen Flüche, nicht wahr? Wenn jemand verhext wurde, muss man den Zauber herausfinden. Wenn jemand erschreckt wurde, muss man den Geist anrufen, ajayu, oder so. Weißes Lama, schwarzes Schaf. Die gaucha wartet also umsonst in Oruro. „Worauf warte ich? Ich habe meinen Indio verloren, also gehe ich.“ Und dann ist sie wahrscheinlich voller Zorn abgezogen, zurück zu ihren gauchos.

 

Mein Vater lebt jetzt wieder bei uns. Von der gaucha haben wir nie wieder etwas gehört. Vielleicht haben sie ihr gedroht, haben sie zum Gehen gezwungen oder wie auch immer. In der Zwischenzeit hat mein Vater weiter nachgedacht: „Ich bin gekommen, um mir meine Töchter zu holen. Meine Frau passt nicht zu mir, aber ich nehme meine Töchter mit.“ So dachte er. „Sie verhungern, ich auch. Zumindest die zwei Ältesten werde ich mitnehmen.“ Denn meine kleine Schwester Laurita und ich, wir waren die Ältesten. Dann kamen ein Junge und ein Mädchen und das jüngste Kind war auch ein Sohn. Also „ich werde die zwei Ältesten mitnehmen“, sagte er zu sich und wartete. Er wartete auf die richtige Gelegenheit, besuchte ein paar Leute, sprach mit anderen Personen in Totora, also dem Dorf, das etwa fünf Kilometer von Rosasani entfernt liegt. „Wohin kann man gehen? Wo gibt es Arbeit?“ So plauderte er und erkundigte sich auf dem Weg zum Berg, zum Hof, während meine Mutter von hier nach dort unterwegs war. Oft war er traurig und lief ziellos durch die Berge, an den Flüssen entlang, in der Pampa. Dann spürte er weder den Wind noch die Kälte, empfand keine Gefühle mehr. Und plötzlich wusste er, was er zu tun hatte.

 

Ich habe erlebt, wie sie stritten. „Geh weg! Geh weg, ich bleibe hier mit meinen Töchtern.“ Hunger. Zorn. „Wir trennen uns.“ Sie gingen nach Totora zu Doktor Renjifo, den sie bezahlen mussten. „Ich will die Scheidung. Ich will, dass sie mir die Kinder überlässt. Sie versteht mich nicht. Ich werde bleiben, sie soll gehen“, hatte er gesagt, „ich bleibe bei meinen Töchtern.“ „Ich werde nicht gehen, weil ich meine Kinder habe. Wie kann ich da gehen? Wenn du gehen willst, dann geh doch.“ So gingen sie zum Richter, um zu streiten. Was wusste ich damals schon darüber? Was habe ich wohl gesehen? Naja, nur was ich eben gesehen habe. Alles sehe ich gerade vor mir. Genau so hat mein Leben angefangen.

 

© 2018 Übersetzung: Christine Ocampo Alvarez,

 Lektorat: Christin Kleinhenz

 

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DIE EWIGE WANDERIN
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